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michel de certeau
Mirjam Schaub, Berlin April 2002

Die Lust am Wildern in fremden Theoriegefilden 1

Zu De Certeaus Taktik im Umgang mit Foucault und Bourdieu



Aktualität einer "kriegswissenschaftlichen Analyse der Kultur"

De Certeaus Ziel in der Kunst des Handelns/Arts de faire (KdH) ist eine zeitgenössische Studie über eine bis dato nicht gerade philosophisch auffällig gewordene Gruppe: den zumeist als Inbegriff des Passiven gescholtenen Konsumenten, dessen Praktiken für den französischen Ethnologen und Historiker zu einem aufregenden Studienobjekt werden. 2 Interessanterweise ist die Art und Weise, wie wir uns im Alltag die Gegenstände unserer Welt aneignen, für De Certeau nicht Folge einer bestimmten Strategie, die sich durch Rückzug auf etwas Eigenes sicher weiß. Er spricht statt dessen von "Fährten", "Listen" (KdH, 27), "Finten", von "Coups" (ibid., 31), der Notwendigkeit zur "Improvisation". Stets handelt es sich um vom Zufall und der Gelegenheit abhängige, variabel bleibende Taktiken. Seine Studie versteht der Autor Anfang der 80er Jahre als Ausmesssung eines lange vernachlässigten Kräftefeldes, als eine Art 'kriegswissenschaftliche Analyse der Kultur' (ibid., 20), 3 die sich – wie ich meine – zwanzig Jahre später gerade im Zeitalter von Cyberwelten, Internet, 'Reality TV' (Big Brother, Traumhochzeit usf.) sehr gut eignet, den Glauben an eben diese Kultur nicht zu verlieren, jedenfalls nicht gänzlich.

Als ich im Sommersemester 2000, am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin zu diesem Thema ein Proseminar anbot und die Studenten und Studentinnen ermunterte, sich Big Brother mit den Augen De Certeaus anzusehen, stieß das – nach anfänglichem Zögern, das, wie mir schien, von der Furcht rührte, eine unseriöse Hausaufgabe lösen zu sollen – auf einige Begeisterung. Das Unbehagen, das schließlich übrigblieb, betraf einen anderen Punkt. Die Studierenden waren verunsichert, ob denn De Certeau wirklich alles ernst meine. Von welchem Punkt er seine eigene Theorie aus entfalte? Zumal, wenn er selbst mit den Taktikern, nicht aber mit den Strategen sympathisiert. Kurz, wie jemand überhaupt 'wahr reden' könne, wenn er nicht selbst über den berühmten 'Ort des Eigenen' verfügte, diesen heiklen und prekären "Sieg des Ortes über die Zeit" (KdH, 23).

Der von de Certeau häufig – zur Charakterisierung des Kreuz- und Querlesens – gebrauchte Ausdruck des 'Wilderns' (ibid., 27) kam mir bei der Suche nach einer Antwort entgegen. Wildern ist keine auf das Lesen begrenzte Gelegenheitstätigkeit, sondern eine Form 'habitueller Grenzüberschreitung'. De Certeau bedient sich ihrer, wenn er sich in Arts de faire mit Theoretikern und ihren Theorien über das Handeln auseinandersetzt. Getreu seiner eigenen Maximen frisiert er nonchalent in fremden Theoriegefilden das Herzstück derselben um und bringt so die Gesetze ihrer Ökonomie durcheinander. Um das besondere Verhältnis von Theorie und Praxis soll es im folgenden gehen.


Drei Beobachtungen

(1) De Certeau pflegt 'offiziell' ein distanziertes Verhältnis zur schulmäßigen Art der Theoriebildung. Er mißtraut den Experten, deren Autorität um so größer scheint, je kläglicher ihre Kompetenz (vgl. KdH, 43). Wahrscheinlich haßt er sogar – in der einem Jesuiten gebührenden Ausdauer – die besonderen Formen der wissenschaftlichen Theorie, die dazu tendiert, aus der Theoriebildung, dem scheinbar 'kreatürlichsten' und stolzesten Akt des Wissenschaftlers, einen Popanz, resp. Fetisch des Denkens zu machen. Die ironische Distanz, die De Certeau gegenüber der "Wissenschaftsfabrik" (ibid., 75) und der von ihr fabrizierten Hybris wahrt, hat viel mit seiner Liebe zu den sog. "Praktiken" zu tun, die er einmal – Durkheim zitierend – als "reine Praxis ohne Theorie" (zit. nach ibid., 141) bezeichnet.

(2) Besonderes Mißtrauen gilt jenen Theoretikern, die sich explizit auf Praktiken beziehen (wie etwa Foucaults Arbeiten über die Genese des modernen Strafrechts oder Lévi-Strauss' Forschungen zur Familienpolitik.) 4 Woher rührt De Certeaus Mißtrauen? Nicht, daß die Theorien falsch wären. Das könnte den Praktiken egal sein ... Sondern, im Gegenteil, weil sie die Praktiken selbst beeinflussen, indem sie zu einem diskursiven Selbstverhältnis verführen (das Korrekturen und Veränderungen nach sich zieht), sind De Certeau 'treffende' Theorien ein Dorn im Auge. Denn solch ein durch Theorie induziertes Selbstverhältnis erweist sich – so seine Überzeugung – für den Fortgang und die Fortentwicklung einer Praktik als hinderlich. 5

(3) Der besondere Umgang mit Michel Foucault und Pierre Bourdieu in Arts de faire läßt auch erahnen, in welcher Hinsicht De Certeau Theoriebildung überhaupt nur goutieren kann: Sofern sie dazu dient, das Funktionieren einer Praktik gerade dadurch zu garantieren, daß sie keinen decouvrierenden, sondern einen schützenden Deckmantel über ihnen ausbreitet, indem sie so tut, als beherrsche sie nicht nur den Diskurs, sondern auch die Praktik selbst. Nur scheinbar lösche sie "das Feuer" einer unkontrollierbaren Praktik aus, während sie in Wirklichkeit gerade ihr ungestörtes und ungestümes Funktionieren – das Funktionieren der Theorie als Praxis – garantiere. 6

In diesem Zusammenhang wird der Unterschied zwischen Bourdieu und Foucault spürbar. De Certeau hält Foucault für einen 'schädlichen' Theoretiker, eben weil er ein 'guter' Theoretiker war, der den Nerv der beschriebenen Praktiken nicht nur traf, sondern ihnen den Nerv auch zog. Bourdieu hingegen ist, wie De Certeau betont, ein glänzender Praktiker und ein miserabler Theoretiker 7 und genau deshalb so wertvoll für das reibungsfreie und unsichtbare Weiterfunktionieren und Weiterwuchern einer bislang verkannten Praktik (wie etwa der Wissensproduktion) selbst: "Der Diskurs, der verbirgt was er weiß (und nicht das, was er nicht weiß), hätte gerade dadurch einen 'theoretischen' Wert, daß er praktiziert, was er weiß" (KdH, 128f.). Dieser Satz liegt im Zentrum des von De Certeau in der "Allgemeinen Einführung" ausgeworfenen "Netzes einer Antizdisziplin" (ibid., 16).

Muß ich betonen, daß ich insbesondere die zuletzt genannten beiden Punkte für höchst erstaunlich halte? Wer traut heutzutage schon einer mehr oder minder soziologischen Theorie 8 wirklichkeitsverändernde Kräfte zu? Und wer würde wagen, schlechte Theoretiker dafür zu loben, daß sie die von ihnen beschriebenen Praxis in ihrem Funktionieren besser schützen als dies gute Theoretiker vermöchten? Offenbar sind Foucaults Überlegungen zur Mikrophysik der Macht als diskursiv verfaßter leitend für de Certeaus ketzerische Thesen. Im Folgenden möchte ich seine Absetzbewegung gegenüber dem 'guten' Theoretiker und 'schlechten' Praktiker Foucault und seine Hinwendung zum 'guten' Praktiker und 'schlechten' Theoretiker Bourdieu genauer untersuchen.
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