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Georg Eickhoff, Berlin, April 2002


Mystik im 110. Stock: Michel de Certeau und das
World Trade Center. Eine politische Betrachtung
nach dem 11. September 2001


Als eine Art Epilog zum Jahr 2001 druckte die Berliner Tageszeitung "taz" am 29. Dezember einen langen Text von Michel de Certeau über das World Trade Center ab. In diesen poetisch wie analytisch hochfliegenden Zeilen beschreibt Certeau seinen Blick von der Spitze des Wolkenkratzers über die Stadtlandschaft von Manhattan.

"Von der 110. Etage des World Trade Centers sehe man auf Manhattan. Unter dem vom Wind aufgewirbelten Dunst liegt die Stadt-Insel. Dieses Meer inmitten des Meeres erhebt sich in der Wall Street zu Wolkenkratzern und vertieft sich dann bei Greenwich; bei Midtown ragen die Wellenkämme wieder empor, am Central Park glätten sie sich und jenseits von Harlem wogen sie leicht dahin. Eine Dünung aus Vertikalen. Für einen Moment ist die Bewegung durch den Anblick erstarrt. Die gigantische Masse wird unter den Augen unbeweglich. Sie verwandelt sich in ein Textgewebe, in dem die Extreme des Aufwärtsstrebens und des Verfalls zusammenfallen, die brutalen Gegensätze von Gebäudegenerationen und Stilen, die Kontraste zwischen gestern geschaffenen Buildings, die bereits zu Mülleimern geworden sind, und den heutigen urbanen Irruptionen, die den Raum versperren. [...] Der Betrachter kann hier in einem Universum lesen, das höchste Lust hervorruft. Dort stehen die architektonischen Figuren der coincidentia oppositorum geschrieben, die früher in mystischen Miniaturen und Textgeweben entworfen worden sind. Auf dieser Bühne aus Beton, Stahl und Glas, die von einem eisigen Gewässer zwischen zwei Ozeanen (dem atlantischen und dem amerikanischen) herausgeschnitten wird, bilden die größten Schriftzeichen der Welt eine gigantische Rhetorik des Exzesses an Verschwendung und Produktion. Mit welcher Erotik des Wissens kann die Ekstase, einen solchen Kosmos zu entziffern, verglichen werden? Da ich ein gewaltiges Lustempfinden verspüre, frage ich mich, woher die Lust kommt, diesen maßlosesten aller menschlichen Texte zu "überschauen", zu überragen und in Gänze aufzufassen." (Kunst des Handelns, 179f.)

Das World Trade Center verwandelt die unüberschaubare Stadt unter dem Auge des Betrachters in einen lesbaren Text. Die Welt als Text, das ist eine der zentralen Metaphern im gesamten Werk Certeaus. An die Textmetapher knüpft er die Lehre vom mystischen Textsinn an. Alles, was wie ein heiliger Text ist, hat auch einen verborgenen Sinn wie ein heiliger Text, einen mystischen Sinn. In La fable mystique verfolgt Certeau die Entstehung des Begriffes "Mystik" aus der Hermeneutik, der Kunst, heilige Texte wie die Bibel (oder Manhattan) zu deuten. Die rhetorische Figur der coincidentia oppositorum, die nach Certeau konstitutiv für die Sprache der Mystik ist, verweist auf sein Hauptwerk La fable mystique. Es ist einer von vielen hundert versteckten Querverweisen, die sein komplexes Gesamtwerk durchziehen. Auch das folgende Zitat hat einen doppelten Boden in seinem Gesamtwerk:

"Auf die Spitze des World Trade Centers emporgehoben zu sein, bedeutet, dem mächtigen Zugriff der Stadt entrissen zu werden. Der Körper ist nicht mehr von den Straßen umschlungen, die ihn nach einem anonymen Gesetz drehen und wenden; er ist nicht mehr Spieler oder Spielball und wird nicht mehr von dem Wirrwarr der vielen Gegensätze und von der Nervosität des New Yorker Verkehrs erfasst. Wer dort hinaufsteigt, verlässt die Masse, die jede Identität von Produzenten oder Zuschauern mit sich fortreißt und verwischt. Als Ikarus dort oben über diesen Wassern kann er die Listen des Daedalus in jenen beweglichen endlosen Labyrinthen vergessen. Seine erhöhte Stellung macht ihn zu einem Voyeur. Sie verschafft ihm Distanz. Sie verwandelt die Welt, die einen behexte und von der man "besessen" war, in einen Text, den man vor sich unter den Augen hat. Sie erlaubt es, diesen Text zu lesen, ein Sonnenauge oder Blick eines Gottes zu sein. Der Überschwang eines skopischen und gnostischen Triebes. Ausschließlich dieser Blickpunkt zu sein, das ist die Fiktion des Wissens." (KdH, 180)

Die Verwandlung von Welt in Text, die Linearisierung oder das Textwerden, das Schreiben von Welt durch Beschreiben verweist auf die Heilung der besessenen Nonne Jeanne des Anges, die Certeau als Historiker aufgearbeitet hat. Die Befreiung von den Dämonen wird durch das Erscheinen einer wundersamen Schrift auf der Haut der Nonne sichtbar. Heiligennamen erscheinen wie eine Tätowierung auf ihrer Hand. Dieser merkwürdigen, in ihrer Zeit weltbekannten Geschichte von Jeanne des Anges und ihrer Heilung durch den Jesuiten Jean-Joseph Surin hat Certeau viele Jahre des akribischen Quellenstudiums und äußerst penibler editorischer Arbeit gewidmet.

Dem World Trade Center und seinen gigantischen Nachbarn, jenen "größten Schriftzeichen der Welt", stellt Certeau einen anderen Schifttyp in metaphorischer Verdichtung gegenüber: die anarchischen Schriftzeichen auf den U-Bahn-Wagen tief unten, dem Blick vom 110. Stockwerk entzogen, Sinnbild für die Undurchdringlichkeit und Unsichtbarkeit des urbanen Lebens:

"Wenn trotz allem eine Illustration nötig wäre, so wären dies die Transit-Bilder, die gelb-grünen und stahlblauen Kalligraphien, die tonlos die Untergründe der Stadt durchhallen und durchstreifen, das Buchstaben- und Ziffern-'Gebrodel', vollkommene Gesten der Gewalt, mit der Sprühdose gemalt, Shivas in Schriftzeichen, tanzende Graphen, deren flüchtige Erscheinung vom Rattern der U-Bahn begleitet wird: die Graffiti von New York." (KdH, 196)

Den machtvollen Vertikalen des World Trade Center setzt Certeau die verschlungenen Horizontalen der U-Bahnen entgegen, auf denen geheimnisvolle, häufig unlesbare Schriftzeichen ungelesen im Dunkel der Tunnel zirkulieren. Das Gerade der Türme steht in Spannung zum Krummen und Verschlungenen der Graffiti. Das Krumme ist bei Certeau immer das Menschlichere.

Der 11. September 2001 hat den beiden geraden Linien — der aufragenden Vertikalen der Architektur und der unsichtbaren Horizontalen der U-Bahn — zwei weitere gerade Linien zugefügt: die Horizontale der Flugbahn zweier Flugzeuge und die Vertikale der Springer aus den höchsten Stockwerken der beiden Türme. In den zahlreichen Augenzeugenberichten aus Manhattan spielen diese verzweifelten "jumper" eine besondere Rolle. Es müssen sehr viele gewesen sein. Viele Augenzeugen haben viele Springer gesehen. Sie wurden dann unsichtbar, weil ihre Körper unter den Schuttbergen der Türme zermahlen wurden.

Die Geschichte des 11. September ist eine Geschichte von Besessenheit, von Behextheit, von krankhafter Religiosität, von einer todbringenden, pervertierten Mystik. Die Zerstörung des World Trade Center wurde inszeniert wie der Exorzismus von Loudun im Frankreich des Absolutismus.

Certeau hebt das geschichtliche Erbe der Mystik in den 110. Stock des Wolkenkratzers. Die Parallele zwischen historischer Betrachtung der Vergangenheit und politischer Analyse der Gegenwart strukturiert sein Gesamtwerk, das unter der Oberfläche scheinbarer Disparität unzählige untergründige Kontinuitäten aufweist. Die Kunst des Handelns gründet in der Mystischen Fabel, diese wiederum gründet in der Besessenheit von Loudun, ein unterschätztes Hauptwerk, für das Certeau in seiner Arbeit über Surin Grund gemacht hatte.

Die entscheidende Wende im Leben von Surin war die Heilung von Jeanne des Anges mit Hilfe der Exerzitien des Jesuitengründers Ignatius von Loyola. An die Stelle quälerischer Exorzismen setzte Surin die gewaltlose und empathische Praxis der Exerzitien. Aber in dem Moment, als Jeanne geheilt wurde, erkrankte Surin selber. Die Dämonen fuhren aus ihr heraus, und er nahm sie in sich auf. Quälende Jahre schwerer seelischer und körperlicher Krankheit folgten.

Die Türme des World Trade Center wollten durch ihre "Fiktion des Wissens" Dämonen aus der Stadt austreiben, aber sie haben sie erst angezogen. Am Ende von La possession de Loudun leistet Certeau die beängstigende Übertragung der Geschichte von Besessenheit auf die Gegenwart. Der schreibende Historiker, der Historiker als Schriftkünstler, gilt ihm als Exorzist. Diese schwer verdauliche Deutung hat mit dazu beigetragen, dass Certeau ein Außenseiter unter den Historikern geblieben ist; erst recht außerhalb Frankreichs.

Besessenheit wird heute Entfremdung genannt, meint Certeau. Was ist mit der Entfremdung islamischer Religiosität in einer verwestlichten Welt? Was ist mit der Überfremdung islamischer Nationen durch die unkontrollierbaren Mächte der Globalisierung? Was ist mit der Besessenheit New Yorks durch die Globalisierung?

An der New Yorker Börse gab es Investoren, die von den Terroranschlägen so rechtzeitig wussten, dass sie mit deren Auswirkungen auf den Aktienmarkt viel Geld verdienen konnten. Osama Bin Laden ist von amerikanischen Geheimdiensten vor Jahren unter anderen strategischen Konstellationen gepäppelt worden. Man hat sogar vom Selbstmord der Türme gesprochen. Etwas ist daran, dass die Mörder in einem bestimmten Sinn New Yorker waren wie die Ermordeten. Sie waren versteckt im unsichtbaren Alltag urbanen Lebens in Hamburg, in Florida, in Kalifornien, an vielen fast austauschbaren Orten. Sie haben die tiefe und unauflösliche Fremdheit im Alltag auf mörderische Weise sichtbar gemacht und ausgetrieben. Jede Besessenheit wird übertragen in eine andere Besessenheit.

Die Geschichte mystischer Verwirrung, Verirrung, des Leidens an Fremdheit und Entfremdung ist nicht zu Ende. Islamismus, Antijudaismus, Antisemitismus, Zionismus, amerikanischer Anspruch, europäische Werteordnung — das alles sind Elemente auf der Bühne eines neuen Loudun. Das Gebrodel und Gewimmel der unsichtbaren Stadt bewegt sich nicht nur unterirdisch in den U-Bahnen. Die Türme des World Trade Center waren bis in den 110. Stock angefüllt mit anonymen Lebensgeschichten, die von Mördern zerstört und buchstäblich ausgetrieben, ins Freie und Bodenlose, in den tödlichen Sprung getrieben wurden. Die Machtphantasie des World Trade Center wurde übertroffen und getroffen von der Machtphantasie religiöser Eiferer und Exorzisten.

Certeau beschreibt das Ereignis vom Mai 1968 — die symbolische Revolution — als einen Bruch, der Neues möglich macht.

"L'evénement est indissociable des options auxquelles il a donné lieu. [...] Une topographie nouvelle a transformé (disons, à tout le moins, un moment), en fonction de ce lieu surgi comme une île, la carte bien établie des circonscriptions idéologiques, politiques ou religieuses" (La prise de parole, S. 29).

Hier taucht das Bild der Insel wieder auf, wie schon in seiner Beschreibung von Manhattan. Die Insel durchbricht die stille Wasserfläche von unten her. Certeau liest die Ereignisse von 1968 wie einen Text. Wie würde er den 11. September 2001 lesen? Würde er an diesem Weltereignis sein unverwechselbares Theorem der rupture instauratrice zu erproben wagen? Welche neue Ordnung eröffnet der Bruch des 11. September? — so würde Certeau vielleicht fragen. Mit den Antworten würde er sich gewiss zurückhalten. Certeau beherrschte vor allem die Kunst auf die bedrängendsten Fragen mit raumgebenden neuen Fragen zu antworten.

Am Ende seines Textes über die moderne Stadt und ihre Besessenheit zitiert Certeau einen Satz von Wassiliy Kandinsky, der nach dem 11. September albtraumhaft anmutet; bei Certeau und bei Kandinsky ist das Traumbild aber ein Wunschbild:

"Eine große, fest nach allen architektonisch mathematischen Regeln gebaute Stadt, welche plötzlich von einer unermeßbaren Kraft geschüttelt wird" (Wassily Kandisky: Über das Geistige in der Kunst, Bern 1952, S. 39). (KdH, 208)

Wunschträume neben Albträumen, Verwirrung der Träume, eine krankhafte Mystik von Selbstmord und Mord — Certeau verwebt in seinem labyrinthischen Gesamtwerk die Besessenheiten des Kapitalismus mit denen des Absolutismus. Von der Krankheit New Yorks schickt er uns zu der Krankheit von Nonnen und Exorzisten im 17. Jahrhundert und von dort zur therapeutischen Kunstlehre des Ignatius von Loyola. Der Jesuitengründer setzt die Unterscheidung der Geister an die Stelle der Exorzismen. Es wäre interessant, die Fragekunst Certeaus als Ausprägung solcher Unterscheidung zu lesen (Certeau noch einmal als Jesuiten zu lesen). Vielleicht käme man so dem politischen Certeau letztlich näher, als dem religiösen Certeau.

Zum Schluss will ich die Textmetapher, die bei Certeau so wichtig ist, noch einmal aufnehmen: die Welt als Schrift Gottes.

Paul Claudel, der 1893 als französischer Vizekonsul in New York lebte, stellte seinem später in Tokio verfassten Drama "Der seidene Schuh" (1929) das Motto voran: "Dieu écrit droit avec des lignes courbes." Diese volkstümliche theologisch-anthropologische Weisheit wird gewöhnlich als portugiesisches Sprichwort identifiziert.

Ich vermute, Claudel hat das Sprichwort aus Brasilien mitgenommen. Ab 1916 stand er an der französischen Botschaft in Rio de Janeiro im diplomatischen Dienst. "Deus escreve certo por linhas tortas", sagt man auch heute noch häufig in Brasilien. "Gott schreibt auf krummen Linien gerade", heißt es dagegen im Deutschen. Richtiger wäre die Übersetzung: "Gott schreibt mit krummen Linien gerade." So übersetzt auch Claudel. Und es bedeutet offensichtlich etwas viel Geheimnisvolleres, etwas Unmögliches.

Es ist eine coincidentia oppositorum. Die Verbindung von Mystik, Geschichte und Politik enthält bei Certeau immer die offene Frage nach der unmöglichen Rechtfertigung Gottes. Michel de Certeau hätte als simultane und ebenso berechtigte Übersetzung des brasilianischen Sprichwortes wohl auch das Gegenteil gefallen: "Gott schreibt mit geraden Linien krumm."


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