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Kurze Bibliographie der Werke von Michel de Certeau Foto: Luce Giard
Michel de Certeau war vor allem Historiker. – Diesen Satz gilt es in seinem vollen Sinn zu entfalten, denn für Certeau, war die Geschichte nicht mehr, aber auch nicht weniger als das unverzichtbare "Fundament", auf dem er seine kulturelle Anthropologie, seine politische Ethik und seine spirituelle Theologie aufbaute. Certeau war Jesuit, und als Jesuit hat er die Geschichte der Spiritualität seines eigenen Ordens erforscht. Aber wie jeder Historiker exiliert bleibt aus der Zeit, die er untersucht, so ist Certeau nicht eingeschlossen in seine Zugehörigkeit zur Gesellschaft Jesu. Er distanziert sich in Form des wissenschaftlichen Fragens. Von seinem Orden für die Forschung freigestellt, nutzt Certeau die Zeit, um viel mehr hervorzubringen als nur die auftragsgemäße Edition der Schriften von Peter Faber und Jean-Joseph Surin – Mitbegründer des Jesuitenordens der eine und jesuitischer Mystiker der andere. In sein spätes und unvollendetes Hauptwerk La Fable mystique geht die Ernte einer lebenslangen Vertrautheit mit einer ganzen Reihe humanwissenschaftlicher Disziplinen ein; Psychoanalyse und Linguistik sind hier besonders zu nennen.

In der Weite seines geistigen Horizontes bleibt das Jesuitische an Certeau unscharf, weil es das Nächstliegende ist. An einer etwas versteckten Stelle bezeichnet er sein Hauptwerk als Fortsetzung dessen, was sein Mitbruder im Orden und theologischer Lehrer Henri de Lubac als Geschichte des mittelalterlichen Wortgebrauchs von "Mystik" vorgelegt hat. So fügt sich Certeau also auch als Wissenschaftler in die genealogische Linie seines Ordens ein. Doch so wenig man den ganzen Lubac aus dem Jesuitischen erklären könnte, so wenig lässt sich Certeau auf seine Ordenszugehörigkeit begrenzen. Dies wiederum ändert nichts daran, dass die Chiffre "SJ", auch wenn Certeau sie nicht ständig hinter seinem Namen führte, zur Entschlüsselung seines oft kryptisch verschlossenen Werkes unverzichtbar ist. Die Gesellschaft Jesu ist ein Ort, den Certeau auf seine Weise "bewohnt" hat.

Bevor er in Paris, Genf und San Diego (Kalifornien) lehrte und als Kongressreisender – eher eilig – Europa, Nord- und Südamerika durchquerte, hatte Certeau zunächst in einem allgemeinen Priesterseminar in Lyon Theologie studiert, war dann 25-jährig in die Gesellschaft Jesu eingetreten und durchlief die ordensübliche intensive spirituelle und philosophische Zusatzausbildung. Er gehörte anschließend zu der in Frankreich quantitativ wie qualitativ sehr beachtlichen Gruppe von Ordenshistorikern, die im Umfeld der Erneuerung vor, während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die geistlichen Quellen des Ordens erforschten und zugänglich machten. Seine Edition der Briefe Surins aus dem Jahr 1966 zeugt nach Umfang und Qualität von einer jahrelangen akribischen Textarbeit. Certeau war von 1963 bis 1967 Mitglied der Redaktion von Christus, einer Zeitschrift für Spiritualität, wie sie der Orden in jeder bedeutenden Sprache und entsprechenden Weltregion auch heute noch herausgibt. Einen ähnlichen institutionellen Status hat die Zeitschrift Études, in deren Redaktion er danach mitarbeitete und die im Bereich der allgemeinen Kultur die gesellschaftliche Präsenz des Ordens markiert.

Die thematisch sehr freie und breitgefächerte Arbeit für diese Zeitschriften bot Certeau die materielle Grundlage für intellektuelle Ungebundenheit. Er brachte es zu einem angesehenen Autor des sehr säkularen Verlagshauses Gallimard, wo mehrere seiner Bücher erschienen sind. Zugleich mit Jacques Derrida wurde er 1984 – nach sechsjähriger Lehrtätigkeit an der University of California – in die École des Hautes Études en Sciences Sociales gewählt. Am 9. Januar 1986 im Alter von 60 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit verstorben, bekam Certeau seine letzte Ruhestätte in einer Gruft des Ordens auf dem Friedhof von Vaugirard im 15. Pariser Arrondissement.

aus Georg Eickhoff, Geschichte und Mystik bei Michel de Certeau, Stimmen der Zeit, 126 (2001), 248-260


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